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Sehnsucht

Sehnsucht

Was zieht mir das Herz so?
Was zieht mich hinaus?
Und windet und schraubt mich
Aus Zimmer und Haus?
Wie dort sich die Wolken
Um Felsen verziehn!
Da möcht' ich hinüber,
Da möcht' ich wohl hin!

Nun wiegt sich der Raben
Geselliger Flug,
Ich mische mich drunter
Und folge dem Zug.
Und Berg und Gemäuer
Umfittigen wir,
Sie weilet da drunten;
Ich spähe nach ihr.

Da kommt sie und wandelt;
Ich eile so bald,
Ein singender Vogel,
Zum buschigen Wald.
Sie weilet und horchet,
Und lächelt mit sich:
"Er singt so lieblich
Und singt es an mich."

Die scheidende Sonne
Vergoldet die Höhn,
Die sinnende Schöne
Sie läßt es geschehn.
Sie wandelt am Bache
Die Wiesen entlang,
Und finster und finstrer
Umschlingt sich der Gang.

Auf einmal erschein' ich
Ein blinkender Stern.
"Was glänzet da droben?
So nah und so fern?"
Und hast du, mit Staunen,
Das Leuchten erblickt;
Ich lieg' dir zu Füßen,
Da bin ich beglückt!

Johann Wolfgang von Goethe

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